Mit Balkonpflanzen gegen die Hitze — Urbane Begrünung in der Postgasse

10.01.2024
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Für Sie zusammengefasst:

In Bern sind anhaltende Hitzewellen und intensive Niederschläge keine Ausnahmen mehr. In den letzten Jahren konnten wir diese Auswirkungen des Klimawandels in der Stadt miterleben. Doch welche Lösungsansätze gibt es, die sich dieser Thematik annehmen? Der Pflanzenbiologe Matthias Erb gibt uns einen Einblick in ein von der Universität Bern lanciertes Projekt, das darauf abzielt, der Hitze in den Städten entgegenzutreten und erläutert, was jede:r von uns dazu beitragen kann.

Enge Städte — heisse Sommer

Immer mehr Menschen leben in Städten. Aufgrund des hohen Ressourcenverbrauchs und der erheblichen Entstehung von Abfällen und Treibhausgasemissionen haben Städte einen grossen Einfluss auf Umweltprobleme. Sie sind aber nicht nur signifikante Verursacherinnen, sondern auch als Leidtragende vom Klimawandel betroffen. Auch in diesem Sommer waren die Auswirkungen des Klimawandels in der Stadt Bern spürbar: Obwohl wir das Baden in der Aare im Oktober genossen haben, war es doch verbunden mit einem schalen Beigeschmack. Aarebaden im Oktober? Das ist doch irgendwie nicht normal. Während wir uns in den heissesten Monaten in die Schlange vor dem Aarestägli einreihten, blieben die Gassen der Berner Altstadt vergleichsweise leer. Warum? Die engen Bauten in Städten speichern die Hitze, was mit einer erhöhten Belastung der Stadtbewohnenden einhergeht – auch in der Postgasse.

Ein Forschungsprojekt an der Universität sucht nach Lösungen, damit der Sommer in der Berner Postgasse für Anwohnende erträglich bleibt. Seit Mai 2023 begrünt eine interdisziplinäre Projektgruppe in Zusammenarbeit mit den Bewohner:innen die Altstadtgasse, um so dem Klimawandel entgegenzuwirken. Das Uni Bern Spin-Off Unternehmen Boum, das ein Topfsystem mit vollautomatischer Bewässerung entwickelt hat, wirkt dabei mit. Matthias Erb ist Initiator des Projekts in der Postgasse und hat auch eine tragende Funktion bei Boum. Die UniBE Foundation fördert gezielt Forschung, die Nachhaltigkeit und Innovation in den Vordergrund stellt. Deshalb haben wir uns heute mit Matthias Erb im Büro von Boum in der Länggasse getroffen, um zu erfahren, was in der Postgasse alles geschehen ist und wie diese heute aussieht.

Interview mit Matthias Erb

UniBE Foundation: Herr Erb, Sie sind massgeblich am Begrünungsprojekt in der Postgasse beteiligt. Warum sind gerade Städte interessant in Anbetracht des Klimawandels?

Bereits 55% der Weltbevölkerung lebt in Städten. In der Zukunft werden wir fast alle urban sein. Städte sind wahnsinnig faszinierende und effiziente Systeme, haben aber auch riesige Nachhaltigkeitsprobleme. Sie heizen sich doppelt so schnell auf als ländliche Gebiete. Ausserdem sind sie naturarm und auch die Lebensqualität für Stadtbewohnende ist oft relativ tief.

Was ist die Vision hinter dem Projekt?

Dadurch, dass wir Pflanzen in die Stadt bringen, lösen wir mehrere Probleme gleichzeitig. Pflanzen haben eine Kühlwirkung auf die Umwelt und bieten die Lebensgrundlagen für Bestäuber, Vögel und Insekten. Auch wir Menschen profitieren von ihnen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Pflanzen Stress reduzieren, gesünder und glücklicher machen. Deshalb ist die Vision, dass die Städte der Zukunft viel naturnäher sein sollen, was wiederum direkt die Lebensqualität und die Nachhaltigkeit dieser Räume und der Natur erhöht.

Boum-Topf mit rosaroter Pflanze auf Balkon
Boum – das smarte Pflanzsystem für Balkon und Terrasse mit automatischer Bewässerung, nachhaltiger Erde und natürlichen Pflanzengemeinschaften. ©Nicole Stadelmann, Wirz-Tanner Immobilien/Boum AG

Welche Rolle spielt Boum in diesem Projekt?

Boum teilt diese Vision. Boum ist ein Spin-Off der Universität Bern, das wir mit der Idee gegründet haben, ein Pflanzsystem zu kreieren, das allen Menschen ermöglichen soll, Pflanzen zu Hause erfolgreich anzubauen und zu geniessen.

„Städte sind wahnsinnig faszinierende und effiziente Systeme, haben aber auch riesige Nachhaltigkeitsprobleme.“

Matthias Erb

Wenn wir es schaffen, mit Boum ein solches System an die Menschen zu bringen, dann machen wir auch die Städte grüner, indem wir Menschen im urbanen Raum ermöglichen, Balkone, Terrassen und Hauseingänge zu begrünen. Damit bietet sich die Zusammenarbeit mit dem Forschungsprojekt natürlich an. Boum dient da als Vehikel, die Transformation zu ermöglichen.

Was hat Sie gereizt, diese Herausforderung anzunehmen?

Etwas für die grünen Städte der Zukunft zu machen, hat mich gepackt, weil es eine wichtige Herausforderung ist: Sie ist sehr aktuell und wird in Zukunft noch viel wichtiger sein als heute. Es ist mein Versuch und meine Absicht, etwas Positives in der Welt zu bewirken.

Warum ausgerechnet in der Postgasse?

Die Postgasse ist als Strasse hochinteressant, aber auch herausfordernd. Sie fast komplett versiegelt. Entsprechend ist sie wahnsinnig heiss. Sie ist ausserdem unter Denkmalschutz und dicht bewohnt. Neue Gebäude können mit begrünten Flachdächern oder Fassadenbegrünung ausgestattet werden, aber wie die Kernstädte, die nicht veränderbar sind, begrünt werden können, ist bis jetzt noch sehr wenig erprobt worden. Daher war die Begrünung der Postgasse eine spannende Herausforderung.

Wie haben die Menschen in der Postgasse auf dieses Projekt reagiert?

Sie waren sehr begeistert. Auch die Stadt war dem Projekt gegenüber positiv eingestellt. Der Pflanztag zum Start des Projekts, an dem verschiedene wirtschaftliche Partner:innen teilnahmen, war eine besondere Erfahrung, die uns viel Energie gab. Es war ein super Tag, an dem viele gekommen sind.

Das Projekt hatte vor einem Jahr den Startschuss. Wie sieht die Postgasse heute aus?

Die Gasse ist deutlich grüner. Auch die Menschen, die mitgearbeitet haben, haben ihren Beitrag zu dieser Veränderung geleistet. Das ist zu sehen, wenn man heute die Postgasse entlanggeht.

Auf welche Erfolge blicken Sie zurück?

Die Begrünung hat einige bemerkenswerte Folgen mit sich gebracht. In einer Umfrage mit den Anwohnenden, kam heraus, dass 80% von ihnen die Lebensqualität als deutlich erhöht wahrgenommen hat. Auch viele Naturbeobachtungen kamen hinzu. Ein grosser Teil der Bevölkerung wünscht sich eine Weiterführung des Projekts und hat sich auch für die weitere aktive Beteiligung daran ausgesprochen. Wir konnten auch feststellen, dass einzelne Bereiche der Gasse kühler wurden. Für die Kühlung der gesamten Gasse, würde es aber noch deutlich mehr Begrünung brauchen. Auf die gesamte Stimmung in der Gasse hatte es auf jeden Fall einen positiven Einfluss.

Welche Hürden stellen sich?

Zu beachten war sicherlich, dass eine Gasse ein privater und gleichzeitig ein öffentlicher Raum ist, weshalb viele verschiedene Interessen zusammentreffen, die berücksichtigt werden müssen. Wir mussten das Projekt mit dem Eventmanagern und dem Tiefbauamt abklären und uns unsere Handlungsspielräume anschauen. Da sich aber alle einig waren, dass das Projekt eine gute Sache ist, ging das relativ gut. Pflanzen sind etwas Gutes – da sind sich wohl alle einig.

Wie geht es nun weiter mit dem Projekt?

Das Projekt wird noch mindestens ein Jahr weitergehen. Wir möchten in dieser Zeit die Entwicklung
der Begrünung sowie Langzeiteffekte genauer anschauen.

Wie hat sich das Projekt in der Postgasse konkret auf Boum ausgewirkt?

Das Projekt hat sicherlich zu mehr Sichtbarkeit gegen Aussen verholfen. Die Presse interessiert sich für solche Projekte. Das schöne dabei ist, dass das Projekt die universitäre Forschung mit Partnerschaften aus der Wirtschaft und der Öffentlichkeit verknüpft. So arbeiten wir gemeinsam mit den Anwohnenden an einer gemeinsamen Vision.

Das Projekt hat zum Ziel, den urbanen Raum zu begrünen. Was kann jede:r von uns tun, um ein grüneren Raum zu gestalten und so einen Beitrag zu leisten?

Das Einfachste ist es, den eigenen Raum zu begrünen: Alle haben mindestens einen Fenstersims. Nichts hält uns davon ab, diesen zu begrünen. Dadurch tun wir etwas für uns selbst, aber auch für die Nachhaltigkeit. Daneben gibt es auch noch andere Möglichkeiten, wie die Mitarbeit in einem Quartierverein oder auf politischer Ebene. Ausserdem ist die Unterstützung der Forschung an der Universität und Ähnlichem sehr wichtig. Dort hat man wohl den grössten Hebel, weil dort Lösungen entwickelt werden, die globales Potenzial haben.

„Die Unterstützung der universitären Forschung ist sehr wichtig. Dort werden Lösungen entwickelt, die globales Potenzial haben.“

Matthias Erb

Hoffnungsvoll in die Zukunft

Eine Stunde später: Wir verabschieden uns von Matthias Erb und seinem Team, das im Büro die Frühlingssaison vorbereitet. Er zeigt uns vor Ort, wie das Boum-System auch drinnen
funktioniert. Die automatische Bewässerung ermöglicht, dass Zimmerpflanzen mit minimalem Aufwand optimal wachsen. Der Besuch bei Matthias Erb lässt uns trotz der kommenden klimatischen Herausforderungen optimistisch in eine grünere urbane Zukunft blicken.


Prof. Dr. Matthias Erb ist Professor für Biotische Interaktionen, Direktor der interfakultären Wissenschaftskooperation One Health und Mitdirektor des Instituts für Pflanzenwissenschaften an der Universität Bern. Für seine Forschung zu Interaktionen zwischen Pflanzen und ihrer Umwelt wurde er mehrfach ausgezeichnet. Zudem ist er Mitbegründer des Spin-Off Unternehmens Boum, das 2021 lanciert wurde.

ZU BOUM

Boum ist ein 2021 gegründetes Spin-Off der Universität Bern. In einem interdisziplinären, wissenschaftlichen Ansatz hat es ein benutzer:innenfreundliches Topfsystem entwickelt, das von ökologischem und technologischem Wissen gespiesen ist. Aus Nebenprodukten der Schweizer Forst- und Landwirtschaft findet sich ein Substrat in den Töpfen, das für die Bewässerung entwickelt wurde. Die Bewässerung funktioniert vollautomatisch und solargesteuert.

ZUM PROJEKT

Am 6. Mai 2023 ist das interdisziplinäre Forschungsprojekt in der Postgasse der Altstadt Bern gestartet. Ziel des Projektes ist es, herauszufinden, inwiefern Nachhaltigkeitsprobleme im urbanen Raum durch die partizipative Begrünung angegangen werden können. Mit unterschiedlichen wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Partner:innen sowie den Anwohnenden wurde die Gasse im Sommer erstmals bepflanzt. Zudem wurden Auswirkungen der Pflanzen auf das Stadtklima und die Quartierbewohner:innen beobachtet und gemessen.

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